Eine gewisse Vorstellung von der Zukunft…

…ist durchaus hilfreich, wenn es in der Mediation darum geht, die Interessen der Medianden in der Phase der Konflikterhellung herauszufinden. Es ist immer wieder für mich als Mediator erstaunlich, dass die Beteiligten genau wissen, was sie nicht (mehr) wollen. In aller Regel haben sie aber keine Vorstellung davon, was sie wollen und wie ihre Zukunft aussehen soll.

Allein schon die Bitte, einen „Nicht-mehr-wollen-Wunsch“ umzuformulieren in einen positiv ausgedrückten Wunsch, ist für viele Medianden kaum zu erfüllen. Im Laufe des Streites hat sich schon so sehr festgesetzt, was man vom Streitpartner nicht will, dass es kaum möglich ist, einen Gedanken daran zu verschwenden, was man den stattdessen eigentlich will.

Dies ist nicht nur eine schlichte Formulierungsfrage. Dies ändert auch die Blickrichtung. Bei dem negativ formulierten Wunsch bleibt der Blick rückwärts gerichtet und er bleibt in dem Streitproblem hängen. Formuliert man den Wunsch positiv um, so hat mein einen Schritt in Richtung Zukunft und auch einen Schritt in Richtung Lösung getan. Es ist wie mit dem Nichtrauchen. Solange man dabei bleibt, nicht mehr rauchen zu wollen, kommt man nicht recht weiter. Wenn aber eine Formulierung dafür gelingt, was man stattdessen tun will, hat man auch eine Lösung vor Augen, auf die man zusteuern kann.

Wenn sich die Medianden in der Mediation Vorwürfe machen, kann man diesen Schritt auch gehen, indem man den Medianden klar macht, dass ein Vorwurf eigentlich nur ein negativ formulierter Wunsch ist. Wenn man dann darum bittet, diesen Wunsch auszudrücken, hat das Gespräch bereits eine andere Qualität. Mit einem Wunsch kann der Angesprochene besser umgehen als mit einem Vorwurf.

Leider sind wir gerade als Juristen stark darauf geprägt, die Vergangenheit zum Maßstab für die Lösung von Konflikten zu machen, da rechtliche Vorschriften in aller Regel Vorgänge in der Vergangenheit zur Grundlage von Rechtsfolgen macht. Manche rechtliche Auseinandersetzungen könnten vermieden werden, wenn stattdessen die Zukunft den Maßstab liefern würde. Was erwarten die Parteien eigentlich als Ergebnis des Rechtsstreits? Es passiert nicht selten, dass Parteien selbst dann mit dem Ergebnis eines Prozesses unzufrieden sind, wenn sie gewonnen haben, weil sie erst dann merken, dass sie damit ihr eigentliches Ziel, das sie unbewusst verfolgt haben, nicht erreicht haben.

Deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, was man (für die Zukunft) wirklich will und nicht in der Vergangenheit hängen zu bleiben.

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Über Gerfried Braune

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