Die erste Frage, die sich einem Mediator oder Moderator stellt, ist die, ob überhaupt ein Konflikt vorliegt. Was ist ein Konflikt? Friedrich Glasl definiert einen sozialen Konflikt wie folgt: Differenzen im Wahrnehmen, Vorstellen, Denken oder Differenzen im Fühlen oder Differenzen im Wollen führen zu Verhaltensweisen der einen Konfliktpartei, die von der anderen Konfliktpartei als Beeinträchtigung erlebt werden.

Das bedeutet, dass Meinungsunterschiede erst dann zu Konflikten werden, wenn aufgrund dessen ein Konfliktbeteiligter handelt und diese Handlung vom anderen Konfliktbeteiligten als Beeinträchtigung erlebt wird.

Ein Beispiel: Solange die beiden Nachbarn unterschiedliche Vorstellungen über Gartengestaltung (Naturgarten der eine, englischer Rasen und Rosenhecke der andere) haben, besteht noch ekin Konflikt. Erst wenn das „Unkraut“ aus dem Naturgarten auf das andere Grundstück hinüberwächst und das den Liebhaber des englischen Rasens stört, kommt es zur Entstehung eines Konflikts.

Friedrich Glasl hat neun Stufen des der Konflikteskalation definiert. Es beginnt bei der ersten (leichtesten) Stufe des Konflikts, mit der „Verhärtung“. Es folgt die 2. Stufe der „Debatte und Polemik2, 3. Stufe „Taten statt Worte“, 4. Stufe „Images und Koalitionen“, 5. Stufe „Gesichtsverlust“, 6. Stufe „Drohstrategien“, 7. Stufe „Begrenzte Vernichtungsschläge“, 8. Stufe „Zersplitterung“ und zuletzt die 9. Stufe „Gemeinsam in den Abgrund“.

Grundsätzlich verlagert sich der Konflikt von einer kooperativen und kopetitiven Einstellung (win-win) zu einer Polarisierung (win-lose) und endet dann in einer Haltung, bei der nur noch versucht wird, den eigenen Verlust geringer zu halten als den der Gegenseite (lose-lose). Auf den ersten drei Stufen geht es noch weitgehend um Sachfragen. Die Streitenden glauben, den Konflikt selbst lösen zu können. In den meisten Fällen gelingt das auch, wenn die Beteiligten es wollen. Auf den Stufen vier bis sechs wird die Person des Gegners zum Gegenstand des Konflikts. Es wird gedroht, Bündnisse werden geschlossen, die Konfliktpartner haben Angst vor Gesichtsverlust. Hier ist ein neutraler Dritter zur Lösung des Konflikts sinnvoll. Auf den Stufen sieben bis neun geht es darum, dem Gegner massiv zu schaden, auch wenn dadurch eigener Schaden in Kauf genommen werden muss. Hier sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Wozu diese Klassifizierung der Konflikte? Diese Einteilung der Konflikte dient letztlich dazu, die richtige Methode der Konfliktintervention zu wählen. In den Stufen 1 bis 3 ist empfiehlt Glasl die Moderation, auf den Stufen 3 bis 5 Prozessbegleitung, Stufen 4 bis 6 sozio-therapeutische Prozessbegleitung, Stufen 5 bis 7 Mediation und Vermittlung, Stufen 6 bis 8 Schieds- oder Gerichtsverfahren und Stufen 7 bis 9 den Machteingriff.

Selbstverständlich können die Konfliktlösungsstrategien einer höheren Eskalationsstufe auch bereits früher eingesetzt werden, nicht aber umgekehrt, die Konfliktlösungsstrategie einer geringeren Konflikteskalationsstufe bei einem weiter eskalierten Konflikt. Mediation ist daher als Konfliktlösungsstrategie nicht mehr sinnvoll bei einem Konflikt, der bereits zu einem „gemeinsam in den Abgrund“ eskaliert ist. Hier muss erst ein Machteingriff her.

Allen, die sich professionell mit Konflikten befassen (müssen), sollten sich mit den Eskalationsstufen beschäftigen. Das gilt insbesondere auch für Richter, damit sie gelegentlich ein Gespür dafür entwickeln, wann es sinnvoll ist, einen Vergleichsvorschlag zu unterbreiten und wann nicht.

Friedrich Glasl hat mit seinem Buch „Konfliktmanagement“, das mittlerweile in der 8. Auflage erschienen ist, ein Standardwerk über Konfliktmanagement geschaffen. Es liest sich manchmal etwas trocken, ist jedoch eine der besten Abhandlungen zum Konfliktmanagement.

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